Wie messen wir die Qualität des Managements?

Manager Audit - ein erfolgversprechender Ansatz

Im Investmentbanking sind ausführliche Unternehmensprüfungen im Rahmen von Akquisitionen seit geraumer Zeit eine Selbstverständlichkeit. Der kritische Erfolgsfaktor "Management" einer zu akquirirenden Unternehmung wird aber nicht annähernd so genau geprüft wie die Firma selber. Die Autoren zeigen auf, wie auch das Management in eine Due Diligence miteinbezogen werden kann.

Seit Ende der 80er Jahre ist es im Investmentbanking üblich, das Akquisitionsobjekt einer ausführlichen und sorgfältigen Prüfung (Due Diligence) zu unterziehen: Seine finanzielle Historie und Aussichten (Business Plan), sämtliche gebundenen Aktiven, die internen Verwaltungs- und Führungssysteme und die rechtlichen Verhältnisse werden dargestellt, analysiert, beurteilt. Hinzu kommen Umweltaspekte wie z.B. ökologisch relevante Altlasten. Ein wichtiger Fokus jeder Due Diligence ist schliesslich die sorgfältige Analyse bestehender und künftiger Geschäftsmöglichkeiten.

Wie aber steht es mit der Überprüfung der Qualität des Managements? Übliche Vorgehensweisen zur Prüfung dieser Frage sind:

  • Managementpräsentationen, bei denen die Manager des Akquisitionsobjektes Schlüsselthemen (z.B. finanzieller Businessplan, Verkaufs- und Kundenbetreuungsorganisation, Forschung und Entwicklung) des betreffenden Unternehmens den Käuferparteien vorstellen. Dabei werden auch fachliche Fragen konkret diskutiert. Zudem ist es üblich,

  • vertrauliche Gespräche zwischen Mitgliedern der Geschäftsleitung des Targets und der Käuferpartei durchzuführen. In diesen Gesprächen werden einerseits individuelle Vorstellungen diskutiert; andererseits gibt es die Möglichkeit, persönliche Eindrücke zu vertiefen.

Auf diesen beiden Wegen macht sich die Käuferpartei zusammen mit der sie beratenden Investmentbank ein Bild über die zukunftsorientierten Fähigkeiten des Managements. Hier fällt nun ein Punkt besonders auf: für eine saubere Analyse der Unternehmung selber wird ein Heer erstklassiger Spezialisten aufgeboten - Bücherexperten, Steuerexperten, Rechtsanwälte verschiedenster Ausprägung, Unternehmensberater, Umweltspezialisten und bei Bedarf noch andere Experten.

Die Prüfung des "erfolgsentscheidendsten" Faktors einer jeden Unternehmung, nämlich des Managements, wird aber nicht durch hierauf spezialisierte Experten vorgenommen, sondern mit den Managementpräsentationen und den vertraulichen Gesprächen abgedeckt.

Es ist natürlich möglich, aufgrund erfolgreicher Geschäftsführung vergangener Jahre gewisse Annahmen über die künftigen Qualitäten des Managements zu machen. Was sich allerdings als sehr schwierig erweist, sind fundierte Aussagen über das momentane reale Können und die Abgabe aussagekräftiger Prognosen über die Zukunftsfähigkeit des Managements.

Nachfolgend wird ein bereits erprobter, aber noch wenig bekannterAnsatz präsentiert, um die Leistungsfähigkeit eines Managements sichtbar zu machen. Wir vertreten die Auffassung, dass durch einen Manager Audit (einem "TÜV fürs Management") die langfristigen Erfolgsaussichten einer Akquisition signifikant erhöht werden können.

"Eignungsprüfungen" für anspruchsvolle Führungspositionen sind durchaus nichts Neues und schon aus dem alten China bekannt. So musste z.B. ein Mandarin (hoher chinesischer Beamter der Kaiserzeit) besondere Fähigkeiten im Bogenschiessen, Reiten und Durchführen der Teezeremonie vor einer Kommission nachweisen. Diese entschied dann über seine Aufnahme ins Amt. Die Anforderungen an heutige Topmanager haben sich seitdem wohl verändert. Wir haben es bei der Tätigkeit an der Unternehmensspitze mit hoch komplexen mentalen und sozialen Aktivitäten zu tun, die strategisch und raffiniert sind und sich der Beobachtung weitgehend entziehen.

Der Manager Audit kann diese Leistungspotentiale mehr als jedes andere Verfahren messbar und greifbar darstellen. Die Beobachter stehen in einer gewissen Konkurrenz und Ergänzung mit anderen Prophezeiungsexperten: z.B. dem erfahrenen Unternehmer und Investor, den Unternehmensberatern und Investmentbankern und nicht zuletzt dem "gesunden Menschenverstand". Der Manager Audit erweist sich als wertvolle "second opinion", die bewährte Perspektiven ergänzt.

Angewandt auf die konkrete Fragestellung einer Due Diligence für die Leistungsfähigkeit eines ganzen Managements wurde von der Betriebspsychologie der Manager Audit aus dem Verfahren des Assessments (Persönlichkeitsbeurteilung/Fähigkeitsprüfung) entwickelt. Wenn die Rede vom Assessment ist, wird zunächst meist an das Gruppenassessment gedacht, das für Erfassung und Förderung von Führungspotential nach heutiger Erfahrung und auch empirischer Überprüfung als bewährtes Vorgehen gelten darf.

Für eine Due Diligence scheidet ein Audit in Anlehnung an ein Gruppenassessment aber aus, weil für seine Durchführung drei bis vier Tage Zeit, ein Stab von Linienmanagern ("Beobachtern") benötigt wird und schlicht auch deshalb, weil mit diesem Vorgehen zu viel Staub aufgewirbelt wird. Die Methode der Wahl für den Manager Audit ist deshalb das Einzelassessment. Es handelt sich dabei um ein Experteninstrument, das eine mindest gleichwertige, nach verschiedenen Untersuchungen teils sogar bessere prognostische Leistung aufweist als das Gruppenassessment. Es kommt mit nur einem Tag für den "Manager auf dem Prüfstand" aus. Zudem bietet es Diskretion, die in diesem Umfeld unentbehrlich ist.

Im Manager Audit stehen zwei Audit-Experten (z.B. Betriebspsychologen) einem Kandidaten gegenüber. Ihre Aufgabe ist es, einen Bericht zuhanden des Auftraggebers zu erstellen, in dem eine differenzierte Beschreibung, Beurteilung und Empfehlung des Geschäftsleitungsmitgliedes enthalten ist ("empfohlen - mit Vorbehalt empfohlen - nicht empfohlen"). Nach heutiger Erfahrung ist eine Kombination von strukturiertem Interview, logisch-analytischem Test, Persönlichkeitsfragebogen, Unternehmens-Fallstudie mit Präsentation und projektivem Persönlichkeitstest das Vorgehen mit der höchsten Trefferquote.

Der Manager Audit wird von den Kandidaten als fair empfunden, da sie die Möglichkeit haben, sich zu präsentieren und auf die Entstehung der Beurteilung Einfluss zu nehmen. Der Umgang mit Kandidaten ist zudem beim Einsatz von Betriebspsychologen strengen berufsethischen Verpflichtungen unterworfen, was sich auf die Akzeptanz durch die Betroffenen in der Regel sehr positiv auswirkt.

Ergebnis des eintägigen Audits pro Manager ist der Bericht, in dem die sozialen, konzeptionellen und persönlichkeitsbezogenen Fähigkeiten des Kandidaten bewertet werden. Der Auftraggeber erhält so unmittelbar Aufschluss über die Fähigkeiten der einzelnen Geschäftsleitungsmitglieder des Akquisitionsobjektes. Diese Informationen lassen sich innert weniger Tage erarbeiten (Anzahl zu beschreibende Geschäftsleitungsmitglieder = Anzahl Arbeitstage der Berater). Auch der Kandidat erhält einen umfassenden Feedback hinsichtlich seiner Fähigkeiten.

In einem praktischen Fall ging es um einen Auftrag von einer Unternehmensberatung, die mit der Due Diligence einer Maschinenbauunternehmung betraut war. Am Firmendomizil des Akquisitionsobjekts wurden in einem Hotel die sieben führenden Persönlichkeiten der Unternehmung beurteilt. Von Fallstudie zu Fallstudie, von Interview zu Interview entstand das Mosaik einer Führungsmannschaft, die an den Grenzen ihrer Belastbarkeit stand, obwohl sie auf Unternehmensebene ein sehr gutes Ergebnis vorweisen konnte. Die Begutachtung ergab, dass vier von sieben Managern empfohlen werden konnten, die anderen drei ihren Aufgaben hingegen nicht gewachsen und dementsprechend nicht empfohlen wurden.

Für die Käuferpartei hatte dies die positive Konsequenz, dass sie eine verbreiterte Entscheidungsbasis für den Kauf der Unternehmung erhielt. Zusätzlich stand sie vor der Frage, ob sie aufgrund der personellen Tatsachen die Unternehmung dennoch erwerben sollte. Im positiven Fall stellte sich ihr die zusätzliche Frage nach personellen Veränderungen und deren Zeitpunkten bzw. der gezielten Förderung eines Teils der Führungspersönlichkeiten durch ein begleitendes Coaching. Chancen und Risiken für die Transaktion im Vorfeld des Kaufs konnten für den Bereich des "Human Capitals" auf der Basis von Fakten diskutiert werden.

Der Hauptnutzen dieser erhöhten Transparenz bedeutet für den Käufer vermehrte Klarheit und Sicherheit in seiner Entscheidungsfindung. Ein weiterer Pluspunkt liegt in der verbesserten Kenntnis über die Integrationsfähigkeit des aktuellen Managementteams in die Unternehmenskultur der Käuferpartei.

Für den Verkäufer kann sich selbst bei abgebrochenen Verhandlungen der Vorteil ergeben, nun durch personelle Veränderungen für Ordnung im eigenen Haus zu sorgen. So kann auch er seine Position absichern und allenfalls den Verkauf zum späteren Zeitpunkt realisieren. Die beurteilten Manager erhalten einen unverblümten Feedback über ihre Stärken und Schwächen und können ihre künftigen Karrieredispositionen auch zu ihrem Vorteil in Angriff nehmen. Der Nutzen für die Investmentbank besteht in der Erhöhung des Professionalitätsgrades bezüglich der angebotenen Beratungsbandbreite.

Weiterer Anlass für einen Manager Audit ist die Überprüfung der Führungsmannschaft in Form einer Standortbestimmung. Hierdurch können unerkannte und nicht ausgeschöpfte Potentiale sichtbar gemacht und gezielt gefördert werden. Andererseits gibt es auch durch "Mangellagen" motivierte Standortbestimmungen. Unbefriedigende Teamkonstellationen, nicht erfüllte gegenseitige Erwartungen z.B. in der Ertragsentwicklung, Zweifel an der Fähigkeit der Stelleninhaber liegen dann dem Manager Audit zugrunde.

Mehr Augenmerk wird heute auf in der Unternehmung bedeutende Spezialistenteams gerichtet. Handelt es sich um einen bedeutenden künftigen Umsatzbringer, wird auf die optimale Zusammensetzung des Teams mehr und mehr geachtet. Es ist also von Interesse, wie die verschiedenen Eigenschaften der Mitglieder miteinander kombiniert werden können.

Auch für Investoren im Bereich des Venture Capitals können die Ergebnisse eines Manager Audits wertvolle Informationen für Investitionsentscheide liefern. Gerade bei vielversprechenden Hochtechnologieprojekten kann auf Seiten der Erfinder von hochkomplexen Technologien nicht immer mit einer grossen Bandbreite in den sozialen und betriebswirtschaftlichen Kompetenzen gerechnet werden. Eine ausgewogene Mischung von Geschäftsleitungsmitgliedern in einem solchen Projekt stellt dagegen den Schlüssel zum Erfolg dar.

Fazit: Der Einsatz eines Manager Audits ist - zusätzlich zur Praxis der Managementpräsentationen und der vertraulichen Gespräche zwischen Geschäftsleitung des Targets und der Käuferpartei - für die Erhebung einer "Second Opinion" im Vorfeld von Unternehmenskäufen sinnvoll.

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